Wenn Antibiotika Infektionen verschlimmern

Tierversuche zeigen: Werden bei Infektionen mit multiresistenten Erregern gängige Beta-Lactam-Antibiotika verabreicht, nehmen die Patienten womöglich mehr Schaden als ohne Behandlung.

Eine Antibiotika-Therapie verschlimmert womöglich bestimmte Infektionen: Methicillin-resistente Staphylococcus-aureus-Bakterien – kurz MRSA – verursachen eine heftige Reaktion des Immunsystems, wenn sie mit den gängigen Beta-Lactam-Antibiotika bekämpft werden. Dies berichten US-Forscher nach Zell- und Tierversuchen im Fachblatt "Cell Host & Microbe".

Sollte sich bestätigen, dass ihre Ergebnisse auch beim Menschen gültig sind, müsse die Verschreibung von B-Lactam-Antibiotika noch sorgfältiger als bisher abgewogen werden. Andernfalls könnten Patienten größeren Schaden nehmen als ohne Behandlung.

Als Beta-Lactam-Antibiotika wird eine Gruppe von Antibiotika bezeichnet, die als gemeinsames chemisches Merkmal einen sogenannten Beta-Laktam-Ring erhalten. Sie stören dadurch die Synthese der bakteriellen Zellwand und machen diese somit angreifbar.

Erreger vor allem in Kliniken verbreitet

Staphylococcus aureus ist ein Bakterium, das bei bis zu 30 Prozent aller Menschen auf Haut und Schleimhaut vorkommt. Die Keime können Infektionen verursachen, oft rufen sie aber keine gesundheitlichen Beschwerden hervor. Vor allem in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen bereiten allerdings Methicillin-resistente Staphylococcus-aureus-Bakterien Probleme.

MRSA-Infektionen verlaufen in der Regel schwerer und führen häufiger zum Tod als herkömmliche Staphylococcus-aureus-Infektionen, schreiben die Wissenschaftler um Sabrina Müller vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles (US-Staat Kalifornien). Der Grund dafür sei bisher nicht bekannt.Die Behandlung der Infektionen wird dadurch erschwert, dass MRSA-Keime gegen eine Vielzahl von Antibiotika resistent sind, unter anderem gegen alle B-Lactam-Antibiotika – eine große Gruppe von Antibiotika, die sich in ihrem chemischen Grundaufbau ähneln.

Obwohl das bekannt ist, erhalten Patienten bei einer Infektion oft zunächst B-Lactam-Antibiotika, weil der Nachweis eines MRSA-Keims einige Zeit in Anspruch nimmt.

Bei herkömmlichen Staphylococcus aureus – und bei vielen anderen Bakterien – bremsen diese Medikamente die Vermehrung, indem sie Proteine für den Aufbau der bakteriellen Zellwand inaktivieren.

Heftige Entzündungsreaktionen

Bei MRSA-Bakterien funktioniert das nicht, weil diese ein Gen (mecA) aktivieren, das ein alternatives Protein für die Zellwandaufbau herstellt. Obwohl dieses PBP2A genannte Protein die Struktur der Zellwand verändert, überstehen die MRSA-Bakterien dadurch die Antibiotika-Behandlung.

Die Forscher um Müller zeigten nun zunächst in Zellversuchen, dass genau diese Strukturveränderung den schwereren Infektionsverlauf bei MRSA-Infektionen erklärt: Werden die Bakterien mit B-Lactam-Antibiotika behandelt, wird das mecA-Gen aktiviert und das PBP2A-Protein für den Aufbau der Zellwand hergestellt.

Bestimmte Moleküle in der bakteriellen Zellwand werden dadurch nur noch schwach vernetzt, die Bakterien können so leichter von Zellen des Immunsystems angegriffen werden.Allerdings werden dabei Fragmente frei, die eine überstarke Reaktion des Immunsystems und eine heftige Entzündungsreaktion hervorrufen. Die gleichen Immunreaktionen beobachteten die Forscher in Mäusen, die mit MRSA infiziert und mit B-Lactam-Antibiotika behandelt worden waren. Sie bekamen schwerere Hautinfektionen als MRSA-infizierte Mäuse, die nicht mit Antibiotika behandelt worden waren."Wir haben nun Anhaltspunkte dafür, dass genau der Faktor, der MRSA als solches charakterisiert, auch der Faktor ist, der MRSA gefährlicher macht", wird Erstautorin Sabrina Müller in einer Mitteilung zur Studie zitiert.

"Dieser Pathogenitätsfaktor wird allerdings nicht freigesetzt, bis MRSA in Kontakt mit B-Lactam-Antibiotika kommt. Aus diesem Grund kann eine schlechte Antibiotika-Wahl eine MRSA-Infektion schlimmer machen, als wenn sie gar nicht behandelt würde."

In den USA spielten MRSA-Infektionen eine weitaus größere Rolle als hierzulande, sagt Professor Gerd Fätkenheuer, klinischer Infektiologe an der Uniklinik Köln. Dort würden etwa 50 bis 60 Prozent aller schweren Staphylococcus-aureus-Infektionen durch einen MRSA ausgelöst. "In Deutschland sind es etwa zehn bis 15 Prozent.“

Neue Präparate mit größerer Wirkung

Ob der MRSA-Keim tatsächlich per se schwerere Infektionsverläufe hervorruft als die sensitiven Staphylococcus-aureus-Stämme, sei umstritten. Eine mögliche Erklärung für die leicht erhöhte Sterblichkeit könne auch darin liegen, dass in erster Linie kränkere Patienten eine MRSA-Infektion bekommen.

"Klinisch wird das ohnehin keine große Rolle spielen", sagt Fätkenheuer. "Staphylococcus-aureus-Infektionen – ob MRSA oder nicht – bedürfen immer einer sorgfältigen Diagnose und Behandlung." Seit einigen Jahren stünden eine Reihe von neuen Präparaten zur Behandlung von MRSA-Infektionen zur Verfügung, die nach derzeitigem Wissen eine höhere Wirksamkeit haben als das bisherige Reservepräparat Vancomycin.

Quelle: Anja Garm (2015): Wenn Antibiotika Infektionen verschlimmern. Die Welt. (http://www.welt.de/gesundheit/article148737676/Wenn-Antibiotika-Infektionen-verschlimmern.html)